Beitrag von Stefan Günzinger

Vorgesetzte in der Verantwortung: Nachhaltigkeit braucht Vorbilder

Warum Führungskräfte als Vorbilder so wichtig sind für Nachhaltigkeit im Unternehmen

Nachhaltige Unternehmensführung ist ein komplexes, weil sehr umfassendes Handlungsfeld. Immerhin geht es hierbei um ein Konzept, das auf alle Teilbereiche eines Unternehmens ausstrahlt und dabei dennoch einen ganzheitlichen Ansatz verlangt.

Da außerdem jeder Einzelne im Unternehmen betroffen ist von – oder besser gesagt: mit einbezogen ist in – die damit einhergehenden Maßnahmen, stellt sich die Frage nach der Rollenverteilung bei der konkreten Umsetzung. Anders formuliert: Wer ist maßgeblich und verantwortlich dafür, dass Nachhaltigkeitsstrategien in einem Betrieb wirklich in der Praxis angewendet werden?

Mitarbeiter tragen Nachhaltigkeitsgedanken

Ohne Frage kommt den Mitarbeitern eine wichtige Rolle zu. Diese Erkenntnis lieferten jedenfalls schon vor einigen Jahren die Befragungen, die eine Forschergruppe der TU Berlin im Rahmen des Projektes „Nachhaltig leben und arbeiten“ vorgenommen hat:

  • Ein Großteil der befragten Personen gab in diesem Zusammenhang an, umweltfreundliches Verhalten aus ihrem Privatleben auch gerne auf ihr berufliches Umfeld übertragen zu wollen.
  • Auf der anderen Seite war der Anteil derjenigen, die an ihrem Arbeitsplatz tatsächlich ihre eigenen Nachhaltigkeitsinteressen einbringen und damit einen direkten Einfluss auf das Nachhaltigkeitsmanagement ihres Arbeitgebers ausüben konnten, deutlich geringer.

Dabei ergaben die Befragungen außerdem einen Zusammenhang zwischen der Möglichkeit, die eigenen nachhaltigen Werte einbringen zu können, und der Zufriedenheit am Arbeitsplatz. Das umfasst gleichzeitig die Leistungsbereitschaft und die Bindung an den Arbeitgeber.

Umgekehrt fühlte sich nur ein Fünftel der interviewten Mitarbeiter von ihren Vorgesetzten darin unterstützt, tatsächlich ihr privates Interesse an nachhaltigem Handeln in den Arbeitskontext zu übertragen. Dieser Punkt ist umso kritischer, als Unternehmen generell deutlich bessere Chancen im Recruiting haben, wenn sie sich aktiv für Nachhaltigkeitsbelange einsetzen.

Nachhaltiges Wirtschaften im Arbeitsalltag

Die besondere Schwierigkeit liegt häufig nicht so sehr darin, grundsätzlich Nachhaltigkeitsziele für ein Unternehmen zu definieren und darauf hinzuarbeiten. Ein Grund hierfür ist schon die langfristige wirtschaftliche Perspektive, die die Auseinandersetzung mit der Thematik gewissermaßen zu einer Notwendigkeit macht.

Wer seine eigenen Ansprüche an das nachhaltige Wirtschaften aber glaubwürdig vertreten möchte – nach außen wie nach innen – muss einen Weg finden, diese Ansprüche im Tagesgeschäft zu etablieren. Dazu reicht es nicht aus, der Belegschaft Leitbilder und Wertekataloge an die Hand zu geben – es gilt, diese mit Leben zu füllen.

Bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitsarbeit als übergreifendes Unternehmensziel in der tagtäglichen Arbeit des einzelnen Mitarbeiters sind die Führungsetagen wichtige Bindeglieder. Führungskräfte müssen als erste zeigen, wie ernst es ihrem Unternehmen mit dem Thema Nachhaltigkeit ist.

Dabei geht es nicht allein darum, die sozialen Aspekte nachhaltiger Unternehmensführung in Form von flexiblen Arbeitszeitmodellen und familienfreundlichen Maßnahmen im Betriebsalltag zu integrieren. Wie eine frühere Studie von Ernst & Young zu den Entwicklungen hinsichtlich nachhaltiger Unternehmensführung in mittelständischen Unternehmen bereits festgestellt hat: Es ist tatsächlich die Führung als solche, die für die Mitarbeiter der wichtigste Orientierungspunkt darstellt.

Führen mit Vorbildfunktion

Das gilt sowohl für das Betriebsklima und den allgemeinen Umgang miteinander wie auch für das Thema Nachhaltigkeit im betrieblichen Tagesgeschäft im Besonderen. Da es in diesem Zusammenhang einerseits um das tatsächliche Handeln, aber andererseits um die dahinterstehenden Werte geht, ist die Handhabung dieser Werte durch die Unternehmensleitung von besonderer Bedeutung.

Die Führungskräfte fungieren als Vorbilder und Identifikationsfiguren gleichermaßen und sind als maßgebliche Entscheidungsträger verantwortlich dafür, dass die Nachhaltigkeitsthematik wirklich in die verschiedenen Unternehmensbereiche Einzug finden kann. Das verlangt nach einer aktiven Vorbildfunktion: Nachhaltiges Handeln und Wirtschaften müssen konsequent vorgelebt werden.

Nachhaltigkeit braucht Vorbilder

Vorbild sein – aber wie?

Die Frage ist, wie das gelingen kann, wie Führungskräfte ihre Rolle als Vorbilder und Vorleber einer von Nachhaltigkeit geprägten Unternehmenskultur wahrnehmen können. In erster Linie bedeutet es, die bisherige Position im Unternehmen zu hinterfragen und sich in den Bereichen zu verändern und zu entwickeln, in denen es angebracht ist. Nachhaltige Unternehmensführung benötigt schlussendlich eine Reihe verschiedener Kompetenzen.

Fachkompetenz:

Glaubwürdig kann natürlich nur der Vorgesetzte nachhaltige Inhalte vermitteln, der dafür über die notwendige Expertise verfügt. Sich Fachwissen zu den relevanten Bereichen anzueignen, die das Unternehmen beim Thema Nachhaltigkeit betreffen, ist deshalb langfristig unerlässlich. Dazu gehören sehr verschiedene Dinge, vom Grundlagenwissen – etwa zur Bedeutung regenerativer Energieträger oder umweltfreundlicher Ressourcenbeschaffung – zu spezifischen Kenntnissen über Prozesse innerhalb der Wertschöpfungskette des Betriebs.

Dieser Prozess der Wissensaneignung und Sensibilisierung sollte zugleich auf die Ebene des mittleren Managements ausgeweitet werden. Nur auf diese Weise kann gewährleistet werden, dass Veränderungen im Sinne des nachhaltigen Wirtschaftens vorgenommen und das Tagesgeschäft mit all seinen Entscheidungen entsprechend geformt wird.

Prozesskompetenz:

Hiermit ist genau das gemeint, was das Praxisprojekt „Nachhaltig leben und arbeiten“ von Führungskräften bereits gefordert hat. Prozesskompetenz bezieht sich nämlich keineswegs Produktionsprozesse oder ähnliche Abläufe, sondern auf die Fähigkeit, die Mitarbeiter aktiv in das angestrebte Nachhaltigkeitsmanagement einzubeziehen.

Es gilt daher, die Räume zu schaffen, in denen die Mitarbeiter ihre persönlichen Werte einbringen und mit denen ihres Arbeitgebers verbinden können. Im Kern gehört dazu aber auch, bei den Mitarbeitern die gleichen Kompetenzen zu erreichen, auf deren Grundlage die notwendigen Veränderungen und Innovationen auf allen Unternehmensebenen durchführen zu können. Das Stichwort in diesem Zusammenhang heißt Lernkultur. Die Möglichkeiten hierzu reichen von der gelebten Vorbildfunktion über Schulungen, Zielvereinbarungen und bis hin zu einem gemeinsamen Wertekanon.

Eine besondere Herausforderung dürfte in der erforderlichen Vermittlungsaufgabe liegen. Persönliche Teilhabe, in Form von Mitarbeiterpartizipation, an Veränderungsprozessen innerhalb des Unternehmens ist zwar eine große Chance, um Innovationen anzustoßen. Gleichzeitig müssen teilweise sehr unterschiedliche Akteure und Vorstellungen im Sinne der gemeinsamen Zielsetzungen zu einem Ausgleich gebracht werden.

Ohne eine transparente Kommunikation und ausreichendes Reflexionsvermögen – bei allen Beteiligten wohlgemerkt – ist das schwerlich möglich.

Sozialkompetenz:

Damit es gelingen kann, nachhaltige Ziele wirksam in die Unternehmenskultur zu integrieren, muss auch die Art der Unternehmensführung als solche neu gedacht werden. Ein Punkt ist dabei das Bewusstsein dafür, welche Konsequenzen das eigene Handeln – in jeder Hinsicht – im Gesamtzusammenhang hat. Verantwortungsbewusstsein und Vorbildfunktion sind nicht voneinander zu trennen.

Daran schließt sich ein weiterer wichtiger Punkt an: Transparenz. Die ist ohnehin ein elementarer Bestandteil des nachhaltigen Wirtschaftens, sie sorgt für die Messbarkeit der Bemühungen um Nachhaltigkeit und verleiht Glaubwürdigkeit, bei Kunden, Stakeholdern – und Mitarbeitern. Das gilt für das Unternehmen als Ganzes letztlich genauso wie für die Menschen, die es leiten.

Die Führungskraft als „Role Model“

Denn Führungskräfte stehen, ob sie es wollen oder nicht, immer im Blickpunkt. Sie nehmen nach innen wie nach außen eine wichtige Stellvertreterfunktion für das gesamte Unternehmen ein und sind damit sozusagen automatisch das „Aushängeschild“ schlechthin.

Im Umkehrschluss ist daher nahezu unmöglich, als Führungskraft kein Vorbild zu sein. Das mag ein immer noch kontrovers diskutiertes Thema sein, im Rahmen des nachhaltigen Wirtschaftens jedoch ist es spätestens unmöglich, die Verantwortung für die vielen betroffenen Bereiche – Ökonomie, Ökologie und Soziales – von sich zu weisen.

So sieht es auch Martin Becker, Geschäftsführer der RBS Group, der im Interview mit der Süddeutschen Zeitung deshalb zu einem Umdenken in den Führungsetagen rät. Wer Vorbild im Sinne der Nachhaltigkeit im Unternehmen sein will – oder muss –, kann dabei nicht an alten Denkmustern und Statussymbolen festhalten. Der Verzicht auf den Parkplatz ist zweifelsohne nur ein Beispiel von vielen, wie genau sich vorbildhaftes Verhalten im Arbeitsalltag niederschlagen kann.

Energie einsparen, Müll vermeiden, weniger Papier oder sonstige Büromaterialien verbrauchen, nicht mit dem Auto zur Arbeit fahren. Es sind schon diese vermeintlich banalen Dinge, die in der Summe eine beachtliche Signalwirkung zeigen können. Nicht zuletzt deshalb, weil sie für die Mitarbeiter aus ihren eigenen Erfahrungen und Handlungsweisen heraus sehr viel leichter zu greifen sind – und die gerade deshalb ein belastungsfähiges Fundament bilden, um Nachhaltigkeit als ganzheitliches Konzept wirklich im Unternehmen zu etablieren.

Titelbild: Adobe Stock @ LIGHTFIELD STUDIOS
Bild 2: Adobe Stock @ StockRocket

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